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Öffentliche Buchpräsentation: Disziplinierung durch Medizin. Die geschlossene Venerologische Station in der Poliklinik Mitte in Halle (Saale) 1961 bis 1982


Die Publikation „Disziplinierung durch Medizin. Die geschlossene Venerologische Station in der Poliklinik Mitte in Halle (Saale) 1961 bis 1982“, die als Sonderband in der Studienreihe der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt erschienen ist, erschließt am Beispiel der Poliklinik Mitte in Halle (Saale) erstmals den Alltag auf einer geschlossenen Venerologischen Station in der DDR, in die Mädchen und Frauen ab dem 12. Lebensjahr zwangseingewiesen werden konnten. Für die Rekonstruktion wurden neben umfangreichen Archivrecherchen Interviews mit ehemaligen Patientinnen sowie mit Ärzten, Krankenschwestern und Mitarbeitern der geschlossenen Venerologischen Station in Halle (Saale) geführt. Die Monographie ist gerade im Mitteldeutschen Verlag Halle (www.mitteldeutscherverlag.de) veröffentlicht worden.

Der Autor der Publikation, Prof. Dr. Florian Steger (Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin), die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Birgit Neumann-Becker, und Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand stellen die Arbeit am Montag, 15. September 2014, 19.00 Uhr, im Festsaal des Stadthauses Halle (Saale) statt. Die Veranstaltung ist öffentlich und der Eintritt frei.

Oft reichte dafür eine Denunziation oder der Verdacht auf eine Geschlechtskrankheit, um von der Polizei, der Heimleitung oder von den Eltern auf eine solche Station gebracht zu werden. 
 Solche im Volksmund oft kurz und derb „Tripperburg“ genannten geschlossenen Stationen gab es in fast jedem Bezirk. Auf den Stationen wurde ohne Aufklärung und Einverständnis der Patientinnen in die körperliche Integrität der Frauen eingegriffen. Die Mädchen und Frauen mussten täglich eine gynäkologische Untersuchung über sich ergehen lassen, teilweise ohne medizinische Indikation. Neben der (medizinischen) Versorgung sollten die Patientinnen in einem hierarchisch organisierten Terrorsystem zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Täglich mussten sie auf der Station oder in anderen Abteilungen der Poliklinik Arbeiten verrichten. Die Mädchen und Frauen wurden auf den Stationen körperlich wie psychisch gedemütigt und traumatisiert.

Statement von Prof. Dr. Florian Steger im Rahmen der Pressekonferenz am 11. September

 

1961 ging die geschlossene Venerologische Station, Teil des Bezirkskrankenhauses Dölau am Standort Poliklinik Mitte, aus der „Beobachtungs- und Fürsorgestation“ für Geschlechtskranke (Kleine Klausstraße 16, Halle/Saale) hervor. Aus dem selben Jahr stammt die „Verordnung zur Verhütung und Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten“ vom 23.2.1961, in welcher unter anderem die Zwangseinweisung von Geschlechtskranken in der DDR geregelt war: Erkrankte oder unter dem Verdacht der Erkrankung stehende Personen wurden verpflichtet, Angaben zu möglichen Infektionsquellen zu machen. Geschlechtsverkehr zu haben, war ihnen untersagt, bis ein Arzt die Krankheit für geheilt erklärte bzw. eine Befunderhebung ausschloss. Personen, die sich den ärztlichen Auflagen widersetzten, mehrfach als geschlechtskrank registriert wurden oder unter Verdacht des häufig wechselnden Geschlechtsverkehrs (HwG) standen, sollten stationär behandelt werden. Es wurde auch die Unterbringung von Geschlechtskranken in einer geschlossenen Station vorgesehen.

In der Poliklinik Mitte in Halle (Saale) waren sowohl eine ambulante Station für Haut- und Geschlechtskrankheiten als auch eine geschlossene Venerologische Station eingerichtet. Ärztlicher Direktor des Stadtkrankenhauses Poliklinik Mitte und Leiter der geschlossenen Venerologischen Station war G. M. Die geschlossene Station, die sich in der zweiten Etage der Poliklinik Mitte befand, hatte ca. 30 Betten in mehreren Schlafräumen. Sowohl die Eingangstür als auch die Fenster zur Großen Nikolaistraße und zum Innenhof waren vergittert. Neben dieser räumlichen Isolation war jeglicher Besuch durch die Hausordnung untersagt. Mit der Unterbringung auf der geschlossenen Venerologischen Station sollte durch „erzieherische Einwirkung (…) erreicht werden, dass diese Bürger nach ihrer Krankenhausentlassung die Gesetze unseres Staates achten, eine gute Arbeitsdisziplin zeigen und sich in ihrem Verhalten in unserer Gesellschaft von den Prinzipien des sozialistischen Zusammenlebens der Bürger unseres Staates leiten lassen“, wie es in der Hausordnung von 1962 heißt.

Auf die Station wurden Frauen ab dem 12. Lebensjahr gebracht, die wiederholt geschlechtskrank wurden, sich den Auflagen der ambulanten Station (Meldepflicht, Nachkontrolle) widersetzten, im Verdacht standen, eine Geschlechtskrankheit zu haben (meist durch Denunziation) oder als HwG-Person eingestuft wurden. Gerade der Verdacht des häufig wechselnden Geschlechtsverkehrs wurde vielfach von Fürsorgestellen oder Ärzten angeben. Mit dieser Begründung führten Polizisten namentlich bekannte junge Frauen der Station zu oder die (Transport-)Polizei nahm junge Frauen auf Bahnhöfen willkürlich fest und lieferte sie in die geschlossene Venerologische Station ein. Darüber hinaus übergaben Jugendwerkhöfe, Erziehungsheime aber auch Eltern ihre Töchter den geschlossenen Stationen, wenn sie mit ihren Insassen bzw. Töchtern nicht zurecht kamen.

Die Aufnahme war in der Hausordnung geregelt und wird von den Zeitzeuginnen wie folgt beschrieben: Entkleidung, Abnahme persönlicher (Wert-)Gegenstände, Waschen (ggf. mit Rasur), Ankleiden mit Anstaltskleidung (blauer Kittel), Anamnese, gynäkologische Untersuchung, Zuweisung eines Bettes. Der Tagesablauf auf der Station war klar geregelt: Zwischen 6.30 und 7 Uhr wurden die Patientinnen geweckt. Nach dem Waschen und dem Frühstück folgte eine gynäkologische Untersuchung. Jede arbeitsfähige Patientin war zur Arbeitstherapie verpflichtet und konnte zu Reinigungsarbeiten der Krankenzimmer bzw. Krankenhausräume aber auch in anderen Objekten der Poliklinik herangezogen werden. Ab 21 Uhr war Nachtruhe.

Die täglichen gynäkologischen Untersuchungen wurden gegen den Willen der Frauen durchgeführt. In der Regel lag hierfür keine medizinische Indikation vor. Für die Untersuchung mussten sich die Frauen auf einen Behandlungsstuhl setzen. Bei der Entnahme des Abstrichs kam es häufig zu Verletzungen, Blutungen und bei Erstabstrichen zu Deflorationen. Die Abstriche wurden auch im Sinn einer abschreckenden und disziplinierenden Maßnahme besonders bei jungen Mädchen eingesetzt. Einige Patientinnen berichten von Ausspülungen mit unbekannten Lösungen im Genitalbereich. Waren die Abstriche bei Erstabstrich negativ, wurde den Frauen ein Fieber auslösendes Mittel injiziert. Diese Injektionen sollten eine mögliche Infektion triggern. Folge der Injektionen waren Übelkeit, hohes Fieber und schubweise auftretende Krämpfe am gesamten Körper. Der Behandlungszeitraum betrug vier bis sechs Wochen. Nebenerscheinungen der medizinischen Behandlung waren schwere körperliche Schmerzen, Defloration bei Erstabstrich, Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Müdigkeit, Kopfschmerzen, langanhaltende Lähmungen und Schüttelfrost. Die Spätfolgen sind Angst vor gynäkologischen Untersuchungen und Ärzten generell, Schlafstörungen, sexuelle Unlust, Inkontinenz, Beziehungs- und Kinderlosigkeit.

Auf der Station herrschte ein hierarchisches Terrorsystem, das durch die Hausordnung bestimmt und von den Ärzten, Schwestern und Stubenältesten umgesetzt wurde. Es gab ein System von Belobigungen und Erziehungsmaßnahmen: Belobigungen waren die Erteilung zusätzlicher Raucherlaubnis, die Löschung einer Hausstrafe oder schriftliches Lob. Erziehungsmaßnahmen waren die zusätzliche Arbeitstherapie, Abstrichsperre sowie die Nachtruhe außerhalb des Bettes auf einem Hocker. Der Leiter der Station war unpersönlich und entindividualisierend. Die Schwestern misshandelten die Frauen durch gezieltes Zufügen von Schmerzen während der Abstriche und domestizierten sie durch Belohnungen (Zuteilung von Zigaretten) und Bestrafungen (Schlafentzug). Dieses Terrorsystem wurde auch durch die Stubenältesten aufrechterhalten. Einige Patientinnen berichten, dass sie auf der Station Widerstand gegen die Behandlungen oder den Umgang mit ihnen leisteten. Dieser Widerstand wurde entweder durch die Schwestern oder die Mitpatientinnen bestraft. Ein Opponieren durch Angehörige der Frauen oder das medizinische und pflegerische Personal ist in wenigen Fällen überliefert.

Neben der geschlossenen Venerologischen Station in Halle (Saale) gab es, soweit wir derzeit wissen, weitere geschlossene Stationen in Berlin, Dresden, Erfurt, Gera, Leipzig, Rostock und Schwerin. Darüber hinaus existierten ambulante Einrichtungen in den Bezirken der DDR, meist in den Bezirksstädten. Die Venerologen standen miteinander in Kontakt und arbeiteten mit dem Ministerium für Gesundheitswesen der DDR eng zusammen. Das Ministerium kontrollierte und koordinierte die ambulanten und geschlossenen Stationen. In diesem Zusammenhang wurden Hausordnungen vereinheitlicht oder Empfehlungen für die Behandlung von Geschlechtskranken gegeben. 1962 wurden Ereignisse auf der geschlossenen Venerologischen Station in Halle (Saale) durch die Staatsanwaltschaft der DDR untersucht: Patientinnen hatten einer Mitpatientin den Kopf kahl geschoren. Da solche Übergriffe mehrfach und mit Wissen des Leiters der Station vorkamen, wurden alle Leiter geschlossener Venerologischer Stationen vom Ministerium für Gesundheitswesen aufgefordert, solche Handlungen zu unterbinden. Ende der 1970er Jahre wird ein weiterer Vorfall auf der geschlossenen Venerologischen Station in Halle (Saale) öffentlich: Während eines Nachtdienstes fand eine Ärztin eine Patientin mit nackten Füßen und mit einem Anstaltskittel bekleidet im Bad. Die Patientin, die zwei Tage im Bad ohne Essen eingesperrt war, musste verstärkt husten und hatte blutigen Auswurf. Die Ärztin ließ die Patientin in das Bezirkskrankenhaus Dölau einweisen, wo eine offene TBC diagnostiziert wurde. Anschließend sorgte die Ärztin für die Aufklärung des Vorfalls. Im Nachgang wurden der Ärztliche Direktor und Leiter der geschlossenen Venerologischen Station G. M. abgesetzt und versetzt. Ab 1981 wurde die Station kommissarisch geleitet, 1982 geschlossen.

Statement der Landesbeauftragen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Birgit Neumann-Becker im Rahmen der Pressekonferenz am 11. September 2014

Aufarbeitung der Vorgänge und Würdigung der betroffenen Frauen - Die Rolle der Staatssicherheit

Hinsichtlich der Aufarbeitung von SED-Unrecht nimmt die vorliegende Forschung einen solitären Platz ein. Sie arbeitet politisch motiviertes Unrecht im medizinischen Bereich verbunden mit gewaltsamen und mitleidlosen Behandlungsmethoden und einem haftähnlichen Alltag auf.

Die Forschungsarbeit widmet sich Opfern der DDR-Diktatur, die Unrecht durch Nichteinhaltung der gesetzlichen Bestimmungen der DDR im medizinischen Bereich erlitten haben.

Freiheitsentzug, Willkür und Rechtlosigkeit beherrschten den Alltag auf den Venerologischen Station der Poliklinik Mitte in Halle/S.. Teilweise begründet nicht eine Diagnose die zwangsweise Einweisung, sondern politisch und sozial unerwünschtes Verhalten.

Die vorliegende Monographie arbeitet den Vorrang alles Politischen - auch im Alltag einer Poliklinik - heraus: den Missbrauch von Medizin verbunden mit Gewaltausübung zur politischen Umerziehung von Frauen.

Für diese Publikation wurden neben eingehenden Archivrecherchen auch Interviews mit betroffenen Frauen geführt. Es ist allerdings zu bedauern, dass nur wenige der ehemaligen Mitarbeitenden bereit waren, über ihre Tätigkeit zu sprechen. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zur umfassenden Aufarbeitung gewesen.

Erste Informationen gibt es auch zur politischen Einflussnahme der Staatssicherheit. So berichteten Zeitzeugen von regelmäßigen Besuchen, Gesprächen und Einsicht in die Krankenakten durch Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Ein weiteres Anliegen der Publikation besteht darin, das Unrecht und zum Teil bis heute andauernde Leid der betroffenen Frauen anzuerkennen und ihre Biographie öffentlich zu würdigen. Viele der betroffenen Frauen haben über ihre Erlebnisse bisher nicht sprechen können. Nun wird Öffentlichkeit hergestellt.

Ein Teil der betroffenen Frauen leidet bis heute unter Folgeschäden aufgrund des Freiheitsentzugs, der Misshandlungen und brutalen Untersuchungsmethoden.

Es steht an zu klären, inwiefern die Frauen eine Opfer-Entschädigung erhalten können.

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Es wird angestrebtm das Thema für alle Einrichtungen der östlichen Bundesländer zu erforschen.