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Erste Ergebnisse der bundesweiten CORETH-Studie zur Verbesserung der Behandlung chronisch Nierenkranker liegen vor


Mehr als 80.000 Menschen in Deutschland sind bei endgradigem Nierenversagen auf eine Nierenersatztherapie angewiesen. Warum entscheiden sich 95 Prozent der Patienten für die Behandlung in Dialyse-Zentren statt für die sogenannte Bauchfell-Dialyse? Welche psychosozialen Faktoren beeinflussen diese Entscheidung und was hat der behandelnde Arzt damit zu tun? Und gibt es Möglichkeiten, die Behandlungszufriedenheit der Patienten langfristig durch Optimierung der Beratung zu verbessern? All diese Fragen will das CORETH-Projekt an der Medizinischen Fakultät in Halle beantworten. CORETH steht dabei für Choice of Renal Replacement Therapy (Wahl der Nierenersatztherapie). Nun liegen erste Ergebnisse vor.

 "Die Wahlsituation, vor der Patienten stehen, ist schwierig, weil sich die beiden Dialyseverfahren stark unterscheiden", erklärt Projektkoordinatorin Dr. Maxi Robinski vom Institut für Rehabilitationsmedizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Beim Bauchfellkatheter bleibe der Patient weitgehend autonom, weil er sich nach einer Schulung selbst behandeln könne, sei aber täglich mit seiner Situation konfrontiert. Im Unterschied dazu sei es beim "Klassiker" Hamödialyse (Blutwäsche) so, dass der Patient dreimal pro Woche in ein Dialyse-Zentrum fahren müsse, um sich dort behandeln zu lassen. Allerdings sei keines der Verfahren dem anderen überlegen. "Bisher nutzen aber nur fünf Prozent der Dialysepatienten in Deutschland den Bauchkatheter als Nierenersatztherapie und die Frage ist, warum", erklärt die promovierte Psychologin Maxi Robinski. 

Es zeigte sich in den ersten Ergebnissen, dass der behandelnde Nephrologe eine große Rolle für die Entscheidung spielt. Dessen Wissensstand sowie die Einstellung zur Bauchfell-Dialyse prägt die Wahl des Patienten für die eine oder die andere Methode. Des Weiteren wurde herausgefunden, dass sich Bauchfell-Dialysepatienten häufig besser und intensiver informiert fühlen als Zentrumsdialyse-Patienten. Als Beweggründe für die Entscheidung zur Bauchfelldialyse gab die Mehrzahl der Patienten (65 Prozent) die größere Unabhängigkeit an. Ein Viertel der Zentrumsdialysepatienten kreuzte an, dass die Wahl hauptsächlich durch ihren Arzt getroffen worden sei (23 Prozent). Ein Fünftel hatte sich für diese Variante entschieden, weil die Betroffenen auf die medizinische Unterstützung im Dialysezentrum zählen wollten (20 Prozent). Zudem waren alle Patienten zufriedener, wenn sie die Entscheidung gemeinsam mit ihrem Arzt treffen konnten (86 Prozent der Bauchfell-Dialysepatienten, 78 Prozent der Zentrums-Dialysepatienten). Bisher war unbekannt, wie Dialyse-Patienten die gemeinsame Entscheidungsfindung bewerten. 

Die Ergebnisse des zweiten und dritten Teils der Studie stehen noch aus und sind für Anfang 2016 zu erwarten. Teil 2 der Befragung ist darauf ausgerichtet, herauszufinden, welche Begleiterkrankungen ein Proband hat und welche Beeinträchtigungen damit einhergehen. Gleichzeitig werden auch die Arztbriefe ausgewertet. "Daraus kann man ableiten, wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist", erklärt Dr. Robinski. Der dritte Teil umfasst eine multivariate Auswertung zur Lebensqualität, um daraus auf die Zufriedenheit der Patienten zu schließen. "Die psychische Verfassung ist der Knackpunkt", ist sich Dr. Robinski sicher. 

Für die CORETH-Studie sind 7.000 Menschen gescreent worden, von denen nun deutschlandweit 780 in 55 kooperierenden Dialysezentren an dem Projekt teilnehmen. Sie wurden ab Mai 2014 das erste Mal befragt, seit Mai 2015 und noch bis Mai 2016 läuft die zweite Runde der Befragung, die jeweils nach zwölf Monaten erfolgt. Dazu, und das ist wie Prof. Dr. Wilfried Mau, Direktor des Instituts für Rehabilitationsmedizin und einer der Projektleiter, sagt, methodisch einzigartig, fahren die beiden Studienschwestern Sabrina Frost und Annemarie Schubert von Halle aus zwei Jahre lang quer durch Deutschland und führen die Befragungen der Patienten mit einem 25-seitigen Fragebogen durch. In der statistischen Auswertung werden dann nur Patienten miteinander verglichen, die ein ähnliches Alter, ähnliche Vorerkrankungen sowie einen vergleichbaren Bildungs- und Erwerbsstatus haben. 

Das Projekt, das mit 760.000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, läuft seit anderthalb Jahren und wird noch bis 2017 andauern. "Die Ergebnisse sollen dazu dienen, die Versorgung der Patienten zu verbessern und herauszufinden, was Patienten als Entscheidungshilfe brauchen", sagt Prof. Dr. Matthias Girndt, Nephrologe und Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Halle (Saale) und ebenfalls Projektleiter. Zudem gehe es darum, Ärzte entsprechend zu schulen, so dass sie in der Lage seien, den psychosozialen Status sowie den Grad der Autonomie ihrer Patienten zu analysieren. 

In der zweiten Jahreshälfte 2016 erfolgt zudem anhand der Daten der CORETH-Studie sowie der Auswertung der Arztbriefe eine wirtschaftliche Bewertung, die direkte und indirekte Kosten der beiden Behandlungsmethoden aufschlüsseln soll. Diesen Teil übernimmt Projektpartner PD Dr. Christian Krauth von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). "Für Deutschland steht eine solche gesundheitsökonomische Auswertung noch aus", sagt Dr. Maxi Robinski. Und auch im Ausland gebe es eine solch umfassende Untersuchung wie die CORETH-Studie nicht. "Das ist ein Vorreiterprojekt, das Gebiet ist bisher nur wenig erforscht gewesen", so Dr. Robinski.