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Publikation in „Leukemia“: Überlebenschancen von Kindern und Jugendlichen mit AML steigen seit 25 Jahren

Prof. Dr. Jan-Henning Klusmann


130 Kinder und Jugendliche erkranken allein in Deutschland jedes Jahr an Akuter Myeloischer Leukämie (AML). In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Heilungschancen und Überlebensraten der jungen Patienten stetig verbessert. 

Herauszufinden, welche Faktoren - primäre Therapie, unterstützende Therapie, Stammzelltransplantationen als „Rettungstherapie“ - über 25 Jahre betrachtet maßgeblich dazu beigetragen haben, ist Sinn einer jüngst abgeschlossenen retrospektiven Studie gewesen. In dieser sind die Daten von 1.940 Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 18 Jahren ausgewertet worden, die zwischen 1987 und 2004 bzw. 2011/2012 an AML erkrankt waren. Die Ergebnisse der Studie haben Wissenschaftler aus Essen, Hannover, Zürich, Wien, Frankfurt und Professor Dr. Jan-Henning Klusmann, Direktor der Universitäts- und Poliklinik für Pädiatrie I des Universitätsklinikums Halle (Saale) und Korrespondenzautor der Studie, gerade im renommierten Fachjournal „Leukemia“ des Nature-Verlags veröffentlicht (https://www.nature.com/articles/s41375-018-0071-7,
DOI: 10.1038/s41375-018-0071-7).

Als Datengrundlage sind die sogenannten AML-BFM-Studieninformationen aus den Jahren zwischen 1987 bis 2012 (AML-BFM-Studien 87, 93, 98 und 04) herangezogen worden. Bereits seit 1978 werden in diesen multizentrischen Studien die Therapie und der Therapieverlauf bei Kindern und Jugendlichen mit AML in Deutschland, Österreich, dem deutschsprachigen Teil der Schweiz und der Tschechischen Republik erfasst. Beteiligt sind daran etwa 60 Kinderkliniken in diesen Regionen. 

Aus den Teilstudien 98 und 04 sind 383 Hochrisikopatienten, die die gleiche Behandlung und keine Stammzelltransplantation erhalten hatten, zudem auch hinsichtlich des Einflusses von Zeit und Supportiv-Therapie auf ihr Überleben einer gesonderten Analyse unterzogen worden.

Ergebnisse im Einzelnen: 

- Die 5-Jahres-Überlebensrate nach der Behandlung zeigt seit 1987 bis 2012 eine stetige deutliche Verbesserung von anfangs knapp 50 auf nun rund 70 Prozent. 

- Zudem verbesserte sich im Laufe der Jahre auch die 5-Jahres-Überlebensrate bei Patientinnen und Patienten, die einen Rückfall erlitten hatten, von rund 20 auf etwa 45 Prozent. Das lag vor allem an Veränderungen in der sogenannten Zweitlinientherapie – der Stammzelltransplantation. Kinder bis zehn Jahre profitierten am meisten von einer verbesserten „Rettungstherapie“.

- Bei Kindern, die zunächst auf keine Therapie angesprochen hatten oder sehr frühzeitig einen Rückfall erlitten, erhöhte eine allogene Stammzelltransplantation die Aussicht auf Heilung signifikant (von knapp 30 auf rund 50 Prozent). 

- Die Intensivierung der Erstlinientherapie hat nur bei der Einführung des hochdosierten Wirkstoffs Cytarabine einen Erfolg gebracht. Alle weiteren Versuche, die Erstlinientherapie zu intensivieren haben nicht zu einer Reduzierung des Rückfallrisikos beigetragen. Dies lässt vermuten, dass auch weitere Intensivierungen keine Verbesserung bringen werden. Es ist viel mehr wichtig, neue Therapieoptionen zu entwerfen und zu testen. 

- Auch die Anzahl der Todesfälle direkt nach Diagnosestellung der AML-Erkrankten hat sich von Teilstudie zu Teilstudie über den Zeitraum von 25 Jahren verringert. Verstarben Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre noch 8,1 Prozent der Kohorte binnen sechs Wochen nach der AML-Diagnose, kam dies 2011/2012 noch bei 2,2 Prozent vor. Dies ist vor allem durch ein besseres Management von Blutungskomplikationen direkt durch die Leukämie bedingt.

„Natürlich ist uns bewusst, dass die nackten Zahlen erst einmal positiv wirken. Objektiv betrachtet hat sich in der AML-Therapie viel getan und sind die Versorgung und Heilungschancen stetig besser geworden. Dennoch haben wir nicht aus dem Blick verloren, dass auch 2,2 Prozent immer noch einige Kinder und Jugendliche sind, die im Zusammenhang mit einer AML versterben. Jeder dieser Todesfälle ist sehr traurig. Und auch wenn mittlerweile rund 70 Prozent der Patientinnen und Patienten mindestens fünf Jahre nach der Behandlung überleben, sind es noch immer rund 30 Prozent, die es nicht schaffen“, sagt Prof. Jan-Henning Klusmann. 

„Der Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre zeigt, dass Stammzelltransplantationen die Heilungschancen verbessert haben und demnach eines der wichtigsten Instrumente bleiben werden“, ergänzt Prof. Dr. Dirk Reinhardt, Chefarzt der Klinik für Kinderheilkunde III des Universitätsklinikums Essen und Letztautor der Studie. „Die Forschung muss dahin gehen, Wege zu finden, die Stammzelltransplantation weiter zu verbessern.“ Dazu gehöre auch, das Risiko einer Stammzelltransplantation für den AML-Erkrankten zu reduzieren, das insbesondere kurz nach der Transplantation am höchsten sei. Des Weiteren müsse man Möglichkeiten finden, mehr Kompatibilität zwischen Spender und Empfänger herzustellen, bessere Anti-Infektiva entwickeln und eine bessere Behandlung von Virusinfektionen nach Stammzelltransplantationen erreichen, sind sich die Wissenschaftler einig. 

Darüber hinaus werden laut der Wissenschaftler 50 Prozent der Kinder ganz ohne Stammzelltransplantation geheilt. Mittels besserer Diagnostik müssen die Kinder identifiziert werden, die alleine mit Chemotherapie geheilt werden können und diejenigen, die eine Stammzelltransplantation benötigen.

Die Ergebnisse der retrospektiven Studie haben laut den Wissenschaftlern auch Einfluss auf die künftige Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit AML. Eine weitere Intensivierung der Chemotherapie werde beispielsweise sehr wahrscheinlich nicht dazu führen, dass es weniger Rückfälle gebe. Stattdessen sei es notwendig, neue Medikamente zu entwickeln und die Immuntherapie voranzutreiben. Ebenso müsse eine stärkere Einstufung der Patienten hinsichtlich ihres genetischen Risikos erfolgen, damit frühzeitig klar sei, auf welche Art der Behandlung sie am ehesten ansprechen werden. Und zu guter Letzt müsse auch die begleitende Therapie dringend verbessert werden.