Notfälle
Blutspende
Karriere
Presse
Forschung
Lehre
Patienten
Zuweiser

Neurochirurgie: Wachoperation eines Hirntumors in einer Hochrisiko-Region


In der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurochirurgie (Direktor: Prof. Dr. Christian Strauss) wurde bei einem 49-jährigen Patienten ein Hirntumor operativ entfernt. „Aufgrund der besonderen Lage des Tumors in einer Hirnregion, die elementar wichtig nicht nur für Sprache, sondern auch für Lesen, Schreiben, Rechnen, die Unterscheidung zwischen Links und Rechts und für die Planung von Handlungen ist, war diese Operation nur im wachen Zustand und unter Zuhilfenahme modernster Verfahren möglich“, erklärt PD. Dr. Julian Prell, der die OP gemeinsam mit einem großen Team durchgeführt hat: „Sowohl die beteiligten Kollegen der Neurochirurgie, als auch das neurophysiologische Team und die Anästhesie mussten dafür an die Grenzen des Möglichen gehen.“

Der körperlich ansonsten völlig gesunde Patient baut beruflich Beinprothesen. Er betreibt passioniert verschiedene koreanische Kampfkünste, liest viel und begeistert sich für Fernwanderungen. Unter anderem hat er bereits große Teile des Jakobsweges und den Highland-Wanderweg beschritten. „In die Operation ging er mit der Zielvorstellung, nach Rom pilgern zu wollen, sobald er sich davon erholt hat.“

Der Patient fiel erstmals Ende November mit einem epileptischen Anfall auf. Bildgebend sah man einen hirneigenen Tumor im sogenannten Gyrus angularis auf der linken Seite. Beim Rechtshänder ist dies eine funktionell hoch relevante Hirnregion, so dass nach klassischer Auffassung bereits eine Tumorbiopsie als Hochrisiko-Eingriff zu werten wäre; eine Tumorentfernung verböte sich völlig.

Angesichts des sehr guten Zustandes des Patienten bestand aber die Hoffnung, dass die entsprechenden Funktionen möglicherweise durch den Tumor selbst über einen längeren Zeitraum hin so verdrängt worden sein könnten, dass eine Operation trotzdem möglich wäre. Um dies tatsächlich einschätzen und ein sinnvolles Risiko-Management betreiben zu können, müsste eine solche Operation aber wach erfolgen – also ohne Narkose am offenen Gehirn. 

Solche Eingriffe werden heute in einigen Kliniken durch hochspezialisierte Teams vor allem bei Patienten mit Tumoren vorgenommen, welche in der „klassischen“ Sprachregion liegen, also im Bereich des Stirn- und Schläfenlappens links. Die Gehirnoberfläche des wachen, kooperativen Patienten wird dabei systematisch und Punkt für Punkt elektrisch stimuliert, um eine individuelle „Landkarte“ der Sprache zu entwickeln und dann funktionsschonend gewissermaßen „um die Sprache herum“ operieren zu können. PD Dr. Prell: „Im vorliegenden Fall hätte dies allein aber nicht genügt, da neben der Sprache eine Vielzahl weiterer, kritischer Funktionen gefährdet war.“ Alle diese Funktionen mussten während der Operation systematisch kartiert und getestet werden. Für solche Operationen gibt es keine Standard-Vorgehensweise. Sie müssen individuell geplant werden und sind sehr selten.

Es fanden über mehrere Wochen hin intensive Vorbereitungen statt. Während des insgesamt fünfstündigen Eingriffs  musste der Patient dann eine Vielzahl von Tests absolvieren: Unter anderem Bilder benennen, Kopfrechnen in allen Grundrechenarten, das Vorlesen eines Textes, das Erkennen und gezielte Greifen farbiger Schrauben, die er auf Aufforderung nach links oder rechts drehen sollte, Aufzählen von Monaten und Wochentagen in der korrekten Reihenfolge.  Diese Testungen fanden sowohl im Sinne einer Kartierung unter elektrischer Stimulation an der Hirnoberfläche, als auch in der Tiefe des Hirns und vor allem während der eigentlichen Entfernung von Tumorgewebe ununterbrochen statt. „Die erheblichen Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer meisterte der Patient souverän“, sagt der leitende Oberarzt der Neurochirurgie. Noch auf dem Operationstisch, während seine Schädeldecke verschlossen wurde, unterhielt er sich im Plauderton mit dem OP-Team über koreanisches Essen und die Vorzüge verschiedener Fluglinien.

Der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Einige Tage nach der Operation kam es erwartungsgemäß zu einer vorübergehenden und nicht unerheblichen Beeinträchtigung sämtlicher zur Disposition stehender neurologischer Funktionen durch die Schwellung in den funktionstragenden, unmittelbar neben dem erzeugten Defekt liegenden Hirnarealen. Diese Defizite zeigten sich dann aber im Laufe von nur einer Woche vollständig rückläufig.

Halle, 10. April 2018
Text: PD Dr. Julian Prell