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Ein Abschluss in Würde für 74 Kinder


Ein historisches Kapitel des Institutes für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat einen würdevollen Abschluss gefunden. Auf der Ehrengrabstätte der Universität auf dem halleschen Gertraudenfriedhof sind nach fast 80 Jahren der Konservierung 74 Kinderleichen am heutigen Donnerstag, 12. April 2018, beigesetzt worden. Auf ihrem letzten Weg wurden sie von Professorinnen und Professoren und Beschäftigten des Instituts und der Fakultät, dem Dekan der Medizinischen Fakultät sowie Studierenden begleitet. 

In der Trauerhalle fand im Kerzenschein und unter musikalischer Begleitung des Projektchors des Anatomischen Instituts sowie einiger Mitglieder des Orchesters der Medizinischen Fakultät die Trauerfeier statt. Klinikseelsorgerin Dr. Konstanze Hamann sagte, dass man Abschied nehme „von 74 kleinen Menschen, die wir nicht gekannt haben und die uns dennoch vertraut sind“, denn das Schicksal „der Kleinen“ habe viele bewegt. Für sie hatten Mitarbeiter des Instituts eigens eine Trauerkerze mit 74 Sternen angefertigt, 74 Teelichter wurden im Gedenken ebenfalls angezündet.

Doktorand Frederik Winter, der in seiner Doktorarbeit die Geschichte der Kinder aufgearbeitet hatte, ging auch in seiner Trauerrede noch einmal auf ihr Schicksal ein. Er beschrieb, dass es sich bei den Kindern um Früh- und Totgeburten, Säuglinge, die noch im ersten Lebensjahr verstarben oder solche mit schweren Fehlbildungen gehandelt habe, aber auch um wenige ältere Kinder, die an Infektionen gestorben seien, deren Behandlung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht möglich gewesen sei. „Deren Schicksal zu ergründen, ist immer das oberste Ziel unserer Arbeit gewesen“, sagte er und brachte damit zum Ausdruck, mit welchem Fingerspitzengefühl und welcher Empathie alle am Projekt Beteiligten mit dem Thema und auch den Kindern umgegangen sind. Selbst Angehörige hatte man mit den begrenzten Mitteln aus der Aktenlage versucht, ausfindig zu machen. „Auch uns geht das Schicksal dieser Kinder nahe. Wir haben uns auf unterschiedliche Weise intensiv mit ihnen befasst. Uns war es ein wichtiges Anliegen und ein tröstlicher Gedanke, dass die Kinder aus der Konservierung im anatomischen Institut nun endlich eine würdevolle Ruhestätte erhalten“, sagte er.

Die Leichname der 74 Kinder stehen für tausende Kinderleichen, die vor dem Zweiten Weltkrieg in das Anatomie-Institut gebracht wurden. Oft, weil ihre Familien aus ärmlichen Verhältnissen stammten oder sie unehelich geboren worden waren und die Angehörigen sich die Bestattung nicht leisten konnten. Die Körper wurden konserviert und für die Forschung und in der Ausbildung von Medizinstudierenden eingesetzt. 

Auf dem Ehrengrabfeld auf dem Gertraudenfriedhof erinnert nun ein großer heller Stein, den die Friedhofsverwaltung gestiftet hat, an die 74 Kinder mit dem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry: „Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst. Und für die Kinder ist es zu anstrengend, immer und immer wieder alles erklären zu müssen.“