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Drittmittelprojekt "Nach der Aufklärung: Religion und Recht für die Selbstbestimmung des Patienten – Eine Fallstudie zur Geschichte der medizinischen Ethik seit dem 18. Jahrhundert"

In der Aufklärung vollzieht sich die Befreiung von numinösen (göttlichen) Mächten, und die Selbstbestimmung des Menschen, und damit auch des Patienten, wird möglich. Das Subjekt „Patient“ tritt in der Medizin in Erscheinung. Beobachtung und Experiment werden zu den Grundlagen der Forschung, wodurch Theorie und Methode des Versuchs entschieden vorangebracht werden. Diese mit der Aufklärung einsetzende Geschichte hat immense Konsequenzen für die Medizin: Der Patient ist fortan als selbstbestimmtes Individuum wahrzunehmen, und dementsprechend ist seine Willensbekundung in der Patient-Arzt-Beziehung zu achten. Die Medizin entwickelt sich von einer Heilkunde zunehmend zu einer Heilwissenschaft und hat in der Folge ein naturwissenschaftliches Bezugssystem. An die Stelle ärztlichen Einfühlungsvermögens und die Bewertung der medizinischer Kunstfertigkeit (iatrike techne) durch den Patienten treten bald das Verstehen von Krankheitsprozessen sowie die Kontrolle von Patient und Krankheit durch Messwerte, Pharmaka und Maschinen. Der ehemals passive Patient kann gleichzeitig aber eine aktive Rolle wahrnehmen. Er wird Teil eines partizipativen Behandlungsprozesses.
Die Befreiung von numinösen Mächten und damit das – spätestens mit der Aufklärung vollzogene – Hervortreten des Patienten als Subjekt in der Medizin, nehmen in der Geschichte einen eigenartigen Verlauf. Denn der Patient tritt in neue Abhängigkeit(en), nicht zuletzt in die von Ökonomie und Recht, besinnt man sich der Entwicklung der Patientenrechte spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklung kulminierte dann 2009 im Patienten-verfügungsgesetz, in dem sie autonome Entscheidung des Patienten rechtlich geregelt wird. Offensichtlich reichte die mit der Aufklärung vollzogene Stärkung des Patienten als Subjekt, damit also die Patientenselbstbestimmung als autonome Kraft sui generis, nicht aus, vielmehr bedurfte diese eines rechtlichen Schutzes. Gleichzeitig kann man beobachten, dass bei diesen Diskussionen, die im weiteren Sinn bioethischen Themen verpflichtet sind (Bioethik ist hier mit Fritz Jahr (1927) als weiter Begriff zu verstehen und umfasst also alles Lebendige), – gerade nach der Aufklärung – die Religion und gleichzeitig die Vertreter der Kirchen eine erstaunlich hohe legitimatorische Kraft erhalten; und dies gerade bei staatlichen Entscheidungsprozessen. In jüngster Zeit wird diese legitimatorische Kraft der Religion, erinnert sei an die Diskussion um die Beschneidung, wieder stark ins Feld geführt. Eine solche Kraft erstaunt im säkularen 21. Jahrhundert einmal mehr, ist man sich der oben skizzierten hohen Bedeutung – oder der ihr zugeschriebenen (?) Bedeutung –  der Aufklärung für den modernen Patienten bewusst. Hier gilt es den historischen Prozess seit der Aufklärung, in welcher der Patient als Subjekt hervortritt und gleichzeitig an dessen Seite andere und gewichtige Einflusskräfte treten, zu würdigen. Die Religion hat also, das gilt es festzuhalten, in der modernen bioethischen Diskussion bis hin zu in diesem Zusammenhang stehenden politischen Entscheidungsprozessen (Präimplantations-diagnostik als Beispiel) eine hohe Bedeutung; gleichzeitig führt auch das Recht in diesen Fragen das Wort. Diesen historischen Prozess, des Hervortretens des Patienten als Subjekt in der Medizin einhergehend mit der Stärkung der Patientenselbstbestimmung einschließlich der hier parallel auftretenden Einflusskräfte (Ökonomie, Recht, Religion) zu würdigen, ist ein wichtiger medizinhistorischer Beitrag zur Aufklärungsforschung.
In einer Fallstudie zur Geschichte der medizinischen Ethik seit dem 18. Jahrhundert soll dieser doppelten Frage, nach der Bedeutung der Aufklärung und der legitimatorischen Kraft von Religion und Recht für die Medizin, mit einem speziellen Blick auf die Patientenselbstbestimmung, an einem konkreten Beispiel – gewonnen aus primär lokalhistorischen Quellen in Halle, welche für die Medizin reichlich vorhanden sind (Hoffmann, Stahl und ihre Schüler auf der einen Seite, die medizinische Alltagspraxis auf der anderen Seite) – nachgegangen werden. Dabei ist in Anbetracht der Präsenz von Religion bei (politischen) Entscheidungsprozessen für die Medizin nicht zuletzt zu fragen, welche Bedeutung die Aufklärung für den Patienten und dessen Selbstbestimmung hatte. Kurz: Wie ist also die Funktion der Aufklärung für die Medizin, insbesondere für die Patientenselbstbestimmung, zu beschreiben, blickt man vor allem auf die Präsenz von Religion. Das Projekt wird im Rahmen des Landesforschungsschwerpunktes „Aufklärung – Religion – Wissen” verfolgt.

Projektleitung: Prof. Dr. Florian Steger
Mitarbeiterin: Prof. Dr. Elke Schlenkrich
Laufzeit: 2012 - 2014