Qualitative Implementationsstudie „Struktur- und Prozessänderungen in der beruflichen Rehabilitation“

Kurztitel

  • SGB II-Studie

Zeitraum

  • 8/2006-06/2009

Leitung

Mitarbeiter

  • Marlies Hauger 
  • Cornelia Hippmann 
  • Dr. Anke Höhne 
  • Dietmar Hobler 
  • Edina Schneider 
  • Dr. Markus Zimmermann

Partner

  • Angela Rauch (IAB) 
  • Johanna Dornette (IAB)

Förderung

  • Bundesagentur für Arbeit, Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit bzw. Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Zusammenfassung

Hintergrund 

Der Gesundheitszustand von Arbeitslosen ist häufig schlechter als der von erwerbstätigen Menschen, was sich auch in schlechteren Wiedereingliederungschancen und einer infolge dessen überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeitsdauer niederschlägt. Zudem verschlechtert sich der Gesundheitszustand mit der Dauer der Arbeitslosigkeit.

Die Leistungen zur Teilhabe am Erwerbsleben stellen dabei ein wichtiges sozialpolitisches Instrument dar, die Erwerbschancen gesundheitlich beeinträchtigter Menschen zu erhalten bzw. zu verbessern um so die Chance auf eine Reintegration ins Erwerbsleben zu unterstützten. Mit der Einführung des SGB II im Jahr 2005 waren umfangreiche Veränderungen der Zugangswege in berufliche Rehabilitation von Langzeitarbeitslosen verbunden. Kostenträgerschaft und Prozessverantwortung sind nunmehr in verschiedenen Arbeitsmarktinstitutionen verankert, wobei im Rahmen der Wiedereingliederung die Arbeitsagentur für die Steuerung des Rehabilitationsprozesses zuständig ist und die ARGEn bzw. Optionskommunen die Finanzverantwortung tragen.

Das Forschungsprojekt, welches im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) durchgeführt wurde, fragt somit, wie sich die veränderten Zugangswege und -bedingungen gestalten.

Methodik, Studiendesign 

Auf Basis einer geschichteten Stichprobe (Arbeitsmarktlage, Siedlungsstruktur und Ost-West-Differenzierung) wurden 32 leitfadengestützte Experteninterviews bundesweit mit Arbeitsvermittlern, Fallmanagern und Reha-Beratern in ARGEn, Optionskommunen und Arbeitsagenturen durchgeführt. Mit Hilfe von vier spezifisch definierten Fallvignetten wurden mit den Gesprächspartnern beispielhafte Fallkonstellationen diskutiert. Somit konnte Varianz im professionellen Handeln in den unterschiedlichen Institutionen der Betreuung und Vermittlung von Arbeitssuchenden mit gesundheitlichen Einschränkungen erfasst und mittels qualitativer Inhaltsanalyse komparativ ausgewertet werden.

Ergebnisse 

Die neuen rechtlichen Regelungen des SGB II haben auch für berufliche Rehabilitation weitereichende rechtliche Konsequenzen (vgl. Schubert et al. 2007). Zunächst ist konstatierbar, dass die Handlungsmaxime der schnellen (Re-)Integration (SGB II) in ihrer praktischen Umsetzung nicht selten einer dauerhaften Eingliederung (SGB IX) entgegensteht. Zudem verliert der erlernte Beruf mit dem SGB II deutlich an Bedeutung, da dieser nicht mehr ausschließlich Grundlage der Fallbearbeitung ist, sondern auch jede andere Tätigkeit als zumutbar definiert ist. Weiterhin wird, deutlich beeinflusst vom nun zusammengefassten Personenkreis der Arbeitslosen- und Sozialhilfe, eine Veränderung der Klientenstruktur festgestellt (Zunahme umfangreicherer individueller Problemlagen und psychischer Erkrankungen). Dies hat unter dem Kriterium der individuellen Rehabilitationsfähigkeit ebenso Auswirkungen auf den Zugangsprozess in berufliche Rehabilitation.

Zudem wird berichtet, dass Betroffenen häufig aus finanziellen Gründen keine Rehabilitationsleistungen in Anspruch nehmen würden, da sich die finanzielle Absicherung während der Maßnahme auf dem Existenzminimum bewegt.

Darüber hinaus ist zu konstatieren, dass mit dem SGB II und der gesetzlich getrennten Kompetenzverteilung auch medizinischen Fachgutachten ein anderer Stellenwert zukommt.

Diskussion und Schlussfolgerungen 

Die benannten Aspekte zeigen einen deutlichen Einfluss auf den Zugang in berufliche Rehabilitation bei von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Menschen. Die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen stellen eine deutliche Herausforderung für berufliche Rehabilitationsleistungen insgesamt und die am Zugang beteiligten professionellen Akteure dar.

Die spezifischen Problemlagen und gesundheitlichen Belastungsprofile Betroffener führen verstärkt zu einer Verschiebung zwischen den (im SGB II umfangreichen) "allgemeinen" Maßnahmen und den "besonderen" Leistungen, zu denen berufliche Rehabilitation zählt. So versprechen auch Anbieter "allgemeiner" Leistungen zur Arbeitsmarktintegration spezifische Gesundheitsprobleme berücksichtigen zu können und sind zudem deutlich kostengünstiger.

Durch die Fokussierung auf eine schnelle Vermittlung im SGB II in Verbindung mit den umfassenden Zumutbarkeitsregelungen (Verweisbarkeit auf eine andere "leidensgerechte" Tätigkeit) und individuelle Nichtinanspruchnahmemotive könnte der Teilbereich der berufsspezifische Rehabilitation zudem deutlich an Bedeutung verlieren. Als Folge sinken zwar die sozialpolitischen Ausgaben deutlich, die Chancen auf eine dauerhafte Wiedereingliederung der Betroffenen ohne spezifische Qualifikationsangebote jedoch oftmals auch.

Publikationen

  • Rauch, A.; Dornette, J.; Schubert, M.; Behrens, J. (2008): Berufliche Rehabilitation in Zeiten des SGB II. IAB-Kurzbericht 25/2008. 
  • Schubert, M; Behrens, J.; Höhne, A; Zimmermann, M. (2008): Verliert berufliche Rehabilitation bei Langzeitarbeitslosigkeit an Bedeutung? Prozesse und Einflussfaktoren des Leistungszugangs. In: DRV (Hrsg.): Evidenzbasierte Rehabilitation – zwischen Standardisierung und Individualisierung, Bad Homburg, 246-248. 
  • Dornette, J.; Rauch, A; Schubert, M.; Behrens, J.; Höhne, A.; Zimmermann, M. (2008): Auswirkungen der Einführung des Sozialgesetzbuches II auf erwerbsfähige hilfebedürftige Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. In: Zeitschrift für Sozialreform, 54, 1, 79-96. 
  • Schubert, M.; Behrens, J.; Hauger, M.; Hippmann, C.; Hobler, D.; Höhne, A.; Schneider, E.; Zimmermann, M. (2007): Struktur- und Prozessänderungen in der beruflichen Rehabilitation nach der Einführung des SGB II. In: Dornette, J; Rauch, A: Berufliche Rehabilitation im Kontext des SGB II. IAB-Bibliothek, 309, 7-87.